Karin

Die erschütternde Nachricht kam Anfang März: Es ist Krebs. Und diesmal nicht mehr heilbar.

Es ist nicht Deine erste Begegnung mit dieser Krankheit, doch diesmal die endgültige. Die erste Frage: „Wie lange noch?“ können die Ärzte nicht beantworten, geben keine Prognose. „Ein halbes Jahr“, sagtest Du. Vielleicht hast Du mehr gewusst als alle anderen.

Alle weiteren Behandlungen hast Du sofort abgelehnt, denn Leiden verlängern hilft wirklich keinem. Deine einzige Bedingung: „Macht, dass ich keine Schmerzen haben werde.“

Du fährst noch einmal mit Deinem Mann in Urlaub, weil Du so gerne verreist bist. Du möchtest in die Sonne, ans Meer, eine wunderschöne Insel, schon mal sehen, wie es wohl im Paradies aussieht.

Und dann geht alles viel zu schnell. Schon nach 3 Monaten hat sich das Bild gewandelt. Du hast Deinen Platz in der ersten Reihe geräumt, ziehst Dich zurück. Dir geht es nicht mehr gut, bekommst Morphin gegen die Schmerzen.

Mit Freunden und Familie gehst Du sehr offen mit der Krankheit und dem Tod um. Die Zeit nutzen, die noch da ist, alles sagen, was nötig ist. Deine Tochter erzählt, dass ihr manchmal alle unter eine Decke kriecht zum Kuscheln. Das sind die schönsten Momente.

Doch auch viele haben Berührungsängste. Wissen nicht, was sie sagen sollen. Die Besuche fallen schwer, denn der Gedanke, dass Du bald nicht mehr da sein wirst, ist unfassbar traurig.

Es geht Dir schlecht, die Krankheit fordert ihren Tribut. Das Morphin ist so hoch dosiert, dass Du kaum noch da bist, Pflege rund um die Uhr. Der kleine Kreis, der sich um Dich kümmert, gibt alles und kommt an seine Grenzen und manchmal auch darüber hinaus. Als Du, fast genau nach einem halben Jahr nach Erhalt der Diagnose, zu Hause stirbst, ist Deine Familie bei Dir.

 

„Weißt Du, ich muss bald sterben. Das müssen wir alle. Doch eins möchte ich Dir mit auf den Weg geben: Ich hatte ein tolles Leben. Und da gibt es keinen Grund auf den letzten Metern zu jammern.“

Und daran hast Du Dich gehalten. Du hast nicht gejammert, sondern diesen Weg angenommen. Weil es Deiner war. Tapfer gekämpft, denn er war alles andere als leicht.

 

Der Tod fällt uns nicht leicht. Egal wie, egal wann, die meisten haben Angst und die Endgültigkeit macht uns zu schaffen. Und doch gehört er unwiderruflich zu uns.

Diese Zeit hat mir, mal wieder, verdeutlicht, wie wichtig es ist, sich auf die schönen und guten Dinge im Leben zu konzentrieren. Träume und Ziele zu haben, zu genießen. Auch die Kleinigkeiten.

Nicht der Besitz zählt, sondern die Menschen, mit denen man sein Leben verbringt, manche näher, manche ferner. Sich vertrauen können, füreinander da sein.

Ich habe solche Menschen um mich und ich weiß, dass sie auch einen solchen Weg mit mir gehen würden. Mit aller Konsequenz. Und ich mit ihnen. Und das macht mich zu einem sehr reichen Menschen.

Advertisements

Alt sein

Ich betrete das Zimmer im Krankenhaus und da liegt mein Ex-Schwiegervater schlafend im Bett. Er schläft viel in letzter Zeit, denn er ist immer müde, weil sein Herz nicht mehr so kann.Er leidet unter Herzinsuffizienz, fast normal in seinem hohen Alter von 93 Jahren.

Ich setzte mich zu ihm, will ihn nicht wecken, und frage mich, wie es sich anfühlen mag, wenn man alt und gebrechlich geworden ist, wenn die Kraft zu leben Dich mehr und mehr verlässt.

Alles kostet große Anstrengung, einige Dinge gehen gar nicht mehr. Womit beschäftigt man sich, wenn man nicht mehr Lesen kann, kaum noch Hören, nirgendwo mehr hingehen kann. Sind es die eigenen Gedanken und Erinnerungen, die Unterhaltung bieten? Was geht einem durch den Kopf, wenn man weiß, dass man sich schon auf der Zielgeraden befindet?

Er weiß, dass ihm nicht viel Zeit bleibt. Das hat er mit schon beim letzten Mal gesagt, als er im Krankenhaus lag. Abstände, die immer kürzer werden.
„Ich weiß, dass ich sterben muss, aber ich kann noch nicht. Ich habe Angst….“ flüsterte er.

Er wacht er auf, sieht mich, erkennt mich, ein Lächeln auf seinem Gesicht. Und er fragt:
„Na? Wachst Du über mich?“

Er hat ganz wache Augen, wir reden ein bisschen, dann bittet er mich, eine Dose aus dem Nachttisch zu nehmen. Da sind Kirschen drin, von seinem Kirschbaum im Garten, frisch gepflückt.

„Die wollen wir zusammen essen und die Steine aus dem Fenster spucken.“
Dabei lacht er. Und das tun wir dann auch.

Er wird nächste Woche vom Krankenhaus direkt in ein Pflegeheim kommen. Das weiß er schon. Kein zurück nach Hause. Seine Frau, selber 84 Jahre alt, kann ihn nicht mehr pflegen, schafft es nicht. Weint, weil sie ihm doch versprochen hatte, immer für ihn da zu sein.

Er will nicht ins Pflegeheim, fühlt sich abgeschoben. Er will nach Hause, dort, wo er seit 60 Jahren lebt. Wo er jede Ecke kennt, wo er notfalls auch blind zurechtkommt.

Und während wir da Kirschen essend sitzen, denke ich, wäre er doch nicht ins Krankenhaus gegangen, sondern hätte sich einfach unter seinem Kirschbaum gesetzt und den Dingen seinen Lauf gelassen. Vielleicht wäre er heute schon nicht mehr da, aber das Pflegeheim wäre ihm erspart gewesen.

Schäme ich mich dieser Gedanken? Nein.

Ich wünsche mir, sollte ich auch so alt werden dürfen, dass ich loslassen kann. Einfach da bleiben, wo ich bin, und die restliche Zeit zu genießen. Wahrscheinlich am Meer.